Quelle: ARD, RB

Sonntag, 8.2.2009, 20:15 Uhr, Tatort Essen, Kısır in Schalen gepackt, der türkische Tee ist bereit. Meine Mitbewohnerin und ich freuen uns auf unseren klassischen Tatort Abend, wie jeden Sonntag.
Innerhalb von kürzester Zeit wurden drei Tatort-Folgen mit türkischem Migrationshintergrund gefilmt.
Ja…. man übt und übt und übt… wir sind gespannt, ob die Autoren aus ihren vergangenen Fehlern gelernt haben…

Psst… es geht los….

In der Folge Familienaufstellung wird eine junge türkische Medizinstudentin, namens Rojin, ermordet. Diese möchte sich von ihrem deutschen Ehemann scheiden lassen. Schnell kommt der Verdacht: Ehrenmord!! Ihre wohlhabenden Eltern sind erfolgreiche und angesehene Bürger Bremens, aufgeschlossen, jedoch streng gläubig. Merkwürdigerweise sehen sie den Tod ihrer ältesten Tochter nicht als Anlass, die Hochzeit ihrer jüngeren Tochter zu verschieben, die am darauf folgenden Wochenende stattfinden soll.

Die Szenen wirken grotesk und haben etwas von Schneewittchen und die Stiefmutter: Die Mutter mit dem bööösen Blick kämmt vor dem Spiegel die schwarzen Haare ihrer jüngeren Tochter, während sie sie für die Zwangsheirat herrichtet. Die Zwangsehen und Ehrenmorde sind nun endgültig salonfähig, denn nun haben sie auch das wohlhabende türkische Bürgertum erreicht. „Allah sei dank!!“ rufen wir zwei ungläubige Türkinnen gläubig, während wir mit meiner Mitbewohnerin schon die zweite Schale Kısır frustschauffeln. Schließlich kann es nicht schlimmer kommen.

Doch alles ist in dieser Folge möglich: Der deutsche Ehemann der ermordeten Türkin ist ein integrierter Über-Türke und fühlt sich in seiner Ehre verletzt, weil seine Frau zu spät zum Familienessen kommt. Er scheint in der türkischen Familie mehr Achtung zu genießen als die eigene Tochter. Irgendwie passt diese Toleranz für den christlichen Schwiegersohn nicht ganz in das Bild von dieser radikalen islamischen Familie. Nun gut! Nicht so pingelig sein, denken wir. Zumindest spüren wir den Ansatz einer Klischeebrechung. Kurz vor ihrem Tod wird der deutsche Ehemann von seinem türkischen Schwager (der böse bissige dunkle Zwerg) abgerichtet, er habe seine Frau nicht im Griff, was für ein Mann denn er sei. Dieser neigt beschämt sein Haupt. Sofort rufe ich: „Der Ehemann war’s!! Der hat Integrationsprobleme und musste sich beweisen!“, und frage meine Hausanwältin und Mitbewohnerin: „Kann ein deutscher einen Ehrenmord begehen?“ Wo beginnt Ehrenmord und wo endet er? Wir warten auf die große Enthüllung.

Rojins Anwältin, die der ermordeten Türkin damals geholfen hatte, ihren eigenen Weg zu gehen, ist fest davon überzeugt, der Bruder (böser bissiger dunkler Zwerg) wars. Die beiden Frauen scheinen eine lesbische Beziehung zu haben. Zweite Klischeebrechung. „Tamam“, schreie ich meine Mitbewohnerin an: „Die türkische Rechtsanwältin war’s.“ Das macht Sinn. Dann stellt sich für mich aber wieder die Frage. „Kann eine türkische Lesbe einen Ehrenmord begehen?“ Wo beginnt Ehrenmord, wo endet er? Es bleibt spannend…

Wieviel Klischees und Groteskes kann diese Folge noch ertragen?, frage ich mich. Doch die Steigerung scheint nach oben offen zu sein. Die Anwältin, die wie Necla Kelek auftritt und Serap Çileli spricht wird ebenfalls ermordet. Ausserdem werden wir in der Folge belehrt, dass türkische Frauen nichts im Wohnzimmer zu suchen haben. Tatort bildet! Wir lernen Lektion 23. Es wird weiter erklärt, Frauen schauen Männern nicht in die Augen. Überhaupt sind die türkischen Frauen passiv oder eiskalte Tratschtanten…

Die letzte Bastillon der türkischen Klischees wird erstürmt: Die jüngste Schwester der Ermordeten Rojin, die mit einem sunnitischen Geschäftsmann zwangsverheiratet wird, aber in einen alevitischen Jungen verliebt ist, wird eine Nacht vor der Hochzeit von der Mutter zum Frauenarzt gebracht, damit ihre Jungfräulichkeit wieder zusammengeflickt wird. Wir atmen tief ein und aus, ein aus… ruhig… versuchen unsere innere Mitte wieder zu finden… Es ist schon egal, ob es der Alevite, der Deutsche oder die Lesbe ist… tief durchatmen…. Nach drei Schalen Kisir und 75 Minuten Zwangstatort, wissen wir nicht mehr, wo uns die Ehre steht. Jetzt will ich’s wissen: Ich bin schon bei der vierten Schale Kısır gelandet als ich nachgoogle, wer diesen Schrott zusammengeschrieben hat.

Endlich haben wir unsere Antwort „Allah sei Dank!!“ rufen wir nun gläubigen Türkinnen nun ungläubig. Die Enthüllung übersteigt unsere schlimmsten Vermutungen…
Denn es heisst dort. Drehbuch: Seyran Ates und Thea Dorn

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