In den letzten Wochen kam ich mir des Öfteren vor wie der Spielball bei den deutschen Meisterschaften im Populisten-Ping Pong. Auch muss ich immer öfter als Spalte und Prozentwert in Statistiktabellen herhalten und meine angeblich schon tote multikulturelle Existenz soll nur eine Fiktion in Rotwein getränkten Hirnen einiger unverbesserlicher Weltverbesserer sein. Tatsächlich bestehe ich jedoch aus einer Ansammlung von menschlichen Zellen und Genen. Diese wiederum sind wohl nicht nur auf einem unterstellten Verdummungstrip und laufen Fortpflanzungsamok, sondern sind auch noch recht anfällig für Viren. Egal, ob rein deutsche oder immigrierte.

Auch ein Migrant wird mal krank

Übrigens bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr. Ich gebe zu, in der Regel erlangt ein gewöhnlicher grippaler Infekt nicht die Prominenz, um in Kolumnen erwähnt zu werden, es sei denn er stammt originär von kranken Schweinen. Doch für mich begann mit Husten und Heiserkeit noch eine ganz andere Leidenszeit. Ich habe mir nämlich einen Sonntag zum Auskurieren ausgesucht und nun liege ich da auf meinem Sofa und genehmige mir eine Dosis Fernsehen mit Bildungsauftrag. Doch während sich mein Organismus krampfhaft bemüht Antikörper zu bilden, bilden sich auf Designermöbeln sitzende Diskussionsteilnehmer und ihre Stichwortgeber ein, dass die möglichst häufige Nutzung von BILD-haften Darstellungen zwangsverheirateter und durchweg kopftuchtragender „Einheitsmigrantinnen“ und ungebildeter vorderasiatischer Rasur-Verweigerer und Al-Qaida Fanclubs, den Gegenüber zur Einsicht motivieren und mich Zuschauer zum Kauf ihrer auf dem Designer-Couchtisch wenig dezent plazierten Bücher animieren könnte.

„Verdammt, habe ich meinen Hustensaft überdosiert“ frage ich mich, als eine Diskutantin tatsächlich ihrem Gegenüber bitterböse vorwirft, ihr Buch nicht lesen zu wollen aber dafür den Sarrazin-Schmöker öffentlich zu diskutieren. Ist das Thema Einwanderungspolitik, Migrationsgeschichte und der richtige Umgang mit den Herausforderungen unserer Zeit und Generation, nur noch der Schminkspiegel eitler, medial gestylter Autoren und „Experten“? Deren alleinige Kompetenz scheint darin zu bestehen, dass sie die Härtefälle dokumentieren und in Form von intellektuellen Dauerwerbesendungen vermarkten dürfen. Gerade als mich dieses Gefühl unumkehrbar zu befallen scheint und ich nicht mehr unterscheiden kann, ob mein Kopfschmerz durch das Gesehene oder doch durch meine geschwollenen Lymphknoten ausgelöst wird, meldet sich eine Kulturkritikerin zu Wort. Ihre wohltuend differenzierte Kritik an jedweder Form von Extremismus und Fehlverhalten –unabhängig von der Ethnie- und die strikte Trennung von Religion, Kultur und Gesellschaft wirken wie Kräuterbalsam auf meine erkältete Seele. Doch ihre Worte wirken nicht viel länger als mein Schmerzmittel, denn gegen die Totschlag-Argumente Neukölln und die Next-Door-Ehrenmörder-Hysterie hat auch sie keine Chance wie es scheint.

Öffentliche Diagnose und Therapievorschläge

Ich befinde mich fast im Delirium, als ich mich frage, was passieren würde wenn ich meine Medikamente in der gleichen Form so wild durcheinander mischen würde, wie es die vermeintlich gutgemeinte Diskussion mit den Begriffen und Teilbereichen in Bezug auf Migranten in Deutschland anstellt. Sie haben eine Vermutung? Ich auch.

Während ich so auf meinem Sofa dahinvegetiere, halluziniere ich. Ich sehe mich tatsächlich auf einer Art öffentlicher Krankenliege oder der Couch der „Mainstream-Psychologie“. Man versucht mich zu heilen bzw. zu therapieren, doch in Wirklichkeit hat mich eine breite Mehrheit als den eigentlichen Krankheitsverursacher bzw. Auslöser der Psychose identifiziert. Ist es nicht so, dass man Kranke und deren Erreger isoliert? Handelt die deutsche Mehrheitsgesellschaft etwa medizinisch richtig?

Etwas konkreter in eigener Sache: Als ob meine Influenza nicht schon schlimm genug wäre, muss ich mir analog und digital ansehen, anhören und durchlesen, welch extremistisches, machohaftes Potential in mir als muslimisch grundversorgten Bio-Türken doch schlummert. Ich bin wohl so eine Art „40 qm Deutschland – Jetzt in 3D“ oder „Nicht ohne meine Tochter – Reloaded“, ausgestattet mit einer Dauerkarte für Open-Air Hasspredigten in der nächstgelegenen Hisbollah-Filiale. Nicht zu vergessen meine in diversen „Speed-Discussions“ oberflächlich sezierte, anscheinend extrem gestörte und mit religiösen Vorgaben durchsetzte sexuelle Identität.

Ansehen und Spiegelbild

Verzeihung aber das ist mal echt unter aller („halal“ Verfechter bitte mal weghören) Sau! Sie finden ich übertreibe? Stellen sie sich bitte mal vor, meinesgleichen lernt eine Frau während der derzeitig grassierenden Pauschalisierungs-Welle kennen. Dann kann man noch lange warten, bis man mit ihr den demographischen Wandel umkehren darf. So wie unsereiner dargestellt wird, dürfte man sich tagelang nicht im Spiegel ansehen. Das „Ansehen“ ist sozusagen dahin.

Apropos Ansehen. Ich liege immer noch fiebrig auf meiner Couch. Inzwischen habe ich den guten Rat meines Freundes Peter Lustig befolgt und den TV-Offenbarungseid abgeschaltet.

Ich ziehe meinen Schal fester und merke, dass meine Mandeln geschwollen sind. Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr und sicherlich nicht zum letzten Mal.

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