Letztens lief endlich der Dokumentarfilm „Wir sitzen im Süden“ im Fernsehen. Er war schon in einigen Programm-Kinos zu sehen, jedoch waren die nicht in meiner unmittelbaren Nähe. Daher freute ich mich umso mehr den Film anschauen zu können.

Das Thema

In Istanbul leben Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind und türkische Wurzeln haben. Die einen vom Schicksal getrieben, die anderen mit dem Wunsch dort zu arbeiten, arbeiten in der Million-Metropole in deutschsprachigen Unternehmen. Vor 5-6 Jahren wurden deutsche Callcenter in Istanbul für Versandunternehmen wie z.B. Neckermann gegründet. Auf den Fluren, am Telefon und in der Kaffee-Küche wird sich auf Deutsch unterhalten (sie trinken sogar meistens Kaffee anstatt Cay). Die Protagonisten freuen sich, den ganzen Tag in ihrer Heimatsprache sprechen zu können, denn diese ist Deutsch. Die Dokumentation begleitet sie über ein Jahr hinweg und zeigt beeindruckend die Sehnsucht nach dem Deutsch-Sein. Manche können aufgrund ihrer tragischen Schicksale nicht nach Deutschland zurück und bauen sich ihr eigenes „Ersatz-Deutschland“ in Istanbul auf…

Der Spiegel

Für mich war der Film erhellend und faszinierend zugleich. Von der deutlich steigenden Auswandererzahl aus Deutschland hatte ich schon gehört und das ein großer Teil von Ihnen Deutsch-Türken sind, die für sich bessere Chancen in der Türkei erwarten. Sie kennen ja zu Teilen die Kultur ihrer Eltern und können dies als Vorteil nutzen. Die Almancı (Deutschländer) werden aber in der Türkei auch als Ausländer gesehen. Allzu oft habe ich es selbst erlebt, wenn man sich outet, indem man beim Bezahlen einfach die korrekte Lira ausspricht und nicht mit Millionen hantiert. Also fühlen sie sich ansatzweise wie hier – sie werden ausgegrenzt. Sie gründen ihre eigenen Communities und öffnen eigene Cafés (in der Doku zu sehen). Arbeiten in deutschsprachigen Unternehmen und freuen sich auf selbstgebackenen Käsekuchen (was wirklich schwer in der Türkei ist, weil es keinen Quark gibt). Auf XING gibt es sogar eine Gruppe Rückkehrer mit „Deutschländer-Etikett„. Diese kulturelle Sehnsucht ist als Spiegelbild in Deutschland genauso zu finden. Die Deutsch-Türken sehnen sich nach dem Türkisch-Sein und gründen ihre eigenen Communities. Nur nicht seit ein paar Jahren, sondern seit Jahrzehnten… Sehr interessant, dass wir einfach zwischen beiden Kulturen leben und sich allmählich ein eigene Kultur entwickelt…

Die Kritik

Einige Kritiken zur Doku habe ich gelesen und es geht echt quer durcheinander. Beispiel: die TAZ spricht von Rückkehrern – sie sind es nicht, denn das Heimatland für die Protagonisten ist Deutschland, nicht Türkei. Alle anderen könnt ihr gerne selbst beurteilen. Schade fand ich das Vorgehensweise der deutschen Unternehmen. Originalzitate aus dem Film:

  • Sie melden sich mit Ralf Becker und Ilona Manzke
  • »Wir sitzen im Süden«, das sagen die Telefonisten ihren deutschen Kunden, wenn sie gefragt werden, wo sie sich befinden.
  • Wer bei Neckermann, Lufthansa oder Quelle.Contact anruft, wird freundlich von Sandra, Illona oder Ralf empfangen, nicht ahnend, dass sie/er eigentlich mit Bülent, Fatos und Murat spricht
  • „In meinen Adern habe ich türkisches Blut, in meiner Seele habe ich Deutschland“, sagt sie. Nur Hochdeutsch könne sie nicht – „Ich komme aus dem Schwarzwald!“

Die Arbeitnehmer müssen sogar ihre Identität verleugnen!!! Traurig traurig…

Trailer zum Dokumetarfilm

Tipp

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