Auch ein Migrant zieht mal um. Eventuell mal um die Häuser aber das ist hier nicht gemeint. „Umziehen“ bitte auch nicht verwechseln mit „Tausche Burka gegen eine Flasche Sonnencreme“. Ich rede davon, dass ich in ganz profaner Manier umgezogen bin. Zum Leidwesen von manch einem Überfremdungs-Phobiker aber nicht zurück in das Land, das unsere Väter einst im Rahmen ihrer ganz persönlichen Umzüge lediglich mit einem Koffer in der Hand verlassen haben, um in Deutschland, dem „Disneyland der Wirtschaftsimmigration“, „Samso-nite and day“ hart zu arbeiten. Nein, ich steuerte meinen gemieteten und vollbeladenen Großraum-Transporter mit dem charakteristischen Stern auf der Motorhaube -wahrscheinlich wäre ein Ford Transit authentischer gewesen-, laut Google-Maps lediglich 1,9 km in südöstliche Richtung.

Leben in einem Karton

Bekanntlich ist so ein Umzug der komprimierte Blick auf die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Nun wurden ja in den letzten Wochen und Monaten in Bezug auf Migranten hier in unserem Lande, die „Unwörter des Jahres“ von ungefähr 2010 bis 2035 produziert, sodass man eventuell glauben könnte, dass es karrieretechnisch und aufgrund des ethnisch motivierten Akzeptanzproblems sinnvoller ist, seinen Schwerpunkt ins Ausland zu verlegen. Am besten gleich in das Land, das unsere Väter… Ach, ich glaube das hatte ich bereits erwähnt. Ich aber bleibe in Deutschland, sitze beim Packen meiner Umzugskartons inmitten alter Fotos (eine Biographie lässt sich übrigens gut in Kubikmetern bzw. Anzahl Kartons messen) und sehe mich z.B. auf einer deutsch-mexikanischen Hochzeit feiernd, aber auch mit französischen Gaststudenten Fußball spielend und sogar eine internationale Weihnachtsfeier moderierend. Besonders sentimental werde ich bei den Fotos meiner diversen Ex-Schulklassen an deutschen Schulen, wo wir teilweise aussehen, als hätten sich die Teilnehmer von „Popstars“ und „Deutschland sucht den Superstar“ zum Gruppenfoto aufgestellt. Eines haben die beschrieben Szenen gemeinsam. Die Ethnie begleitete unsere Lebensentwürfe zwar, war aber niemals der -wie dieser Tage empfunden- Hauptaspekt des gesellschaftlichen Miteinanders. Egal ob ich gerade den Azteken-Walzer tanzte, einem Möchtegern-Zidane elegant den Ball durch die Beine spitzelte oder dem Weihnachtsmann Backstage ‚çay‘ (für alle Nicht-Zugezogenen: Dies ist türkischer Tee) servierte, selbstverständlich mit Christ – statt „Muslim“stollen.

War definitiv ein anderes Gefühl damals. „Bildungsinländer“ nannte man uns im Überschwang der bürokratischen Gefühle. Und unsereiner bildete sich, bildete sich ein, dass auch ein nicht-deutscher Pass passt. Multi-Kulti klang nicht nur wie gemischter Fruchtsaft, sondern schmeckte geradezu erfrischend nach Internationalität und Vielfalt. Ich kosmopolitischer Romantiker, hatte eine positive Erwartungshaltung Deutschland gegenüber und Deutschland womöglich mir gegenüber auch. Heute jedoch so scheint es, ist der Begriff Erwartung ersetzt worden durch „Forderung“. Nur mit der Forderung ist das so eine Sache. Nicht umsonst kann „Überforderung“ sowohl beim Geforderten, als auch beim Fordernden auftreten. Daher sollten alle Beteiligten sowohl die Kirche als auch die Moschee weiterhin im Dorfe lassen und – die Lösung ist nur eine Taste entfernt – das „o“ im Wort „Fordern“ viel öfter gegen ein „ö“ tauschen. Fördern der Möglichkeiten zur Teilnahme an der Gesellschaft und das Fördern des Miteinanders und unserer universalen Werte über alle Bevölkerungsgruppen hinweg, egal links oder rechts an den Konferenztischen dieser Republik. Und zwar abstrakt betrachtet besser gleich in einer Art „Deutschlandkonferenz“.

Wir alle haben unser Päckchen zu tragen. Warum legen wir also nicht zusammen und mieten einen Transporter und legen die Routen gemeinsam fest?

Rückenschmerz oder doch lieber Terrorangst?

Apropos fördern. Zurück zu den Umzugskartons. Am Tage des Einzugs wurden zwei Dinge womöglich ungeplant gefördert: Erstens die Berufsgruppe der deutschen Chiropraktiker, durch den einen oder anderen überstrapazierten Rücken im Umzugsteam. Zweitens womöglich die Angst manch eines durch regelmäßig kolportierte Terrorwarnungen medial konterminierten Nachbarn, dem angesichts unzähliger anonymer Pakete im Hausflur, wahrscheinlich der Angstschweiß literweise die gerunzelte Stirn herunterlief.

Diese Umzugskartons haben es tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes in sich, denn im Bundeskarton Deutschland liegen einträchtig nebeneinander die çay-Gläser und die Weingläser. Zwar braucht das Weinglas etwas mehr Platz aber auch das çay-Glas wird gebraucht. Aus beiden kann man bekanntlich trinken und beide sind aus Glas. Genug Gemeinsamkeiten oder muss ich noch mehr Allegorien bemühen?

Just in diesem Moment kriege ich Lust auf ein schönes Glas çay. Gerne auch mit einem großen Stück Christstollen.

Was ist mit Ihnen?

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