Wie der eine oder andere vielleicht schon bemerkt hat, neige ich zu paranoiden Tendenzen. Manchmal gesellt sich auch Schizophrenie dazu.

Neben diversen Lappen für z.B. die Lust auf scharfes Essen und BMW, scheint die deutsch-türkische Evolution weitere Bereiche in meinem Gehirn ausgeprägt zu haben, die mich doch tatsächlich dazu veranlassen, klammheimlich eine spießige schwarz-rot-goldene Autofensterflagge in meinem Herzen zu hissen, während ich innerlich an einem türkischen Autokorso nach dem anderen teilnehme.

Doppelherz – doch keine reine Werbelüge

Nein, es handelt sich nicht um die Gefühlsausbrüche nach dem Verzehr einer anatolisierten Rinder-Currywurst in Berlin, sondern um das Aufeinanderprallen meiner zwei deutsch-türkischen Fußball-Atomkerne beim EM-Qualifikationsspiel diesen Freitag in Istanbul. Bekanntlich ist so eine Kernfusion zum einen die Quelle unglaublicher Energie – diese wird im Verlauf des Spiels auch freigesetzt – aber gleichzeitig nicht frei von negativen Effekten und so werden auch diesmal die gleichen unangenehmen Fragen nach Zugehörigkeit und Patriotismus gestellt werden und auch dieses Mal die gleichen unnötigen Antworten verwehrt bleiben.

Wie jetzt? Sie glauben nicht, dass zwei Herzen in meiner behaarten türkischen Brust schlagen können und ein deutsch-türkischer multi-nationaler Sportfan ist aus ihrer Sicht in etwa so authentisch, wie eine Bratwurst, die im Fladenbrot anstatt im Brötchen serviert wird?

Bier aus dem Teeglas – Darf man das?

Opportunist vom Bosporus. So wird mich jetzt der eine oder andere von ihnen nennen. Mit dem Hinweis, dass ich im Grunde genommen ja nur den Deutschen-Zujubler gebe, damit ich auch mal etwas zu feiern habe bzw. einen Grund, ein Fußballspiel mal wieder im Biergarten statt in der Teestube zu gucken.

Ja gut eh, ich sag mal… wenn Deutschland und die Türkei, gefühlt bei jeder WM- oder EM-Quali gegeneinander spielen, tendiere ich zum Glas Tee aber sehen sie es mir nach. Das Spiel dauert 90 Minuten und am Ende gewinnt eh Deutschland. Deswegen könnte ich als Alternativprogramm eigentlich gleich statt der Fernbedienung den Nacken meiner Frau massieren. Eigentlich…

Und täglich grüßt der Özil

Wie vor jedem Spiel der Teutonen-Elf gegen die Anatolen-Kicker, geistern die gleichen Fragen durch die deutsche und türkische Medienlandschaft.

  • Darf Mesut Özil bei einem Tor gegen die Türkei jubeln oder muss er dafür per Polizei-Eskorte in die Umkleidekabine?
  • Wird er die türkische Nationalhymne mitsummen und die deutsche mit der Darbuka – der türkischen Bechertrommel – begleiten?
  • Und vor allem: Trägt er rot-weiße Boxershorts unter dem schwarz-rot-goldenen Trikot?
[box type=“tick“ style=“rounded“]Freitag, 07.10.2011 um 20.30 Uhr – Türkei vs. Deutschland, Qualifikationsspiel zur Fußball EM 2012[/box]

Jetzt mal unter uns Pastorentöchtern und Imamsöhnen. Ein Özil mit dem Bundesadler auf der Brust ist nur für eine Minderheit innerhalb der türkischen Migrantengemeinde ein Problem. Nämlich für die, die es immer noch nicht verstanden haben, dass unsere multi-nationale Identität nicht nur die gemeinsame Gesellschaft mitgestaltet, sondern auch die Institutionen, die sie repräsentieren. Nichts anderes ist die Nationalmannschaft. Und nein, der Özil wird wahrscheinlich nicht Bundeskanzlerin werden!

Ich diesem Sinne…

Ich grill mir jetzt eine Portion türkisches Sucuk, heute mal im Brötchen serviert anstatt im Fladenbrot und wo um Himmels Willen ist eigentlich die Fernbedienung?

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