Memo erzählt wahre Einwanderer-Geschichten von früher:

[box type=“note“ style=“rounded“ border=“full“]Man fragte den Künstler, ob er die Glückseligkeit malen könne. Er antwortete, ich kann es malen, aber kannst du sie verstehen?[/box]

Ich frage mich, ob mit meiner  Einwanderung nach Deutschland ich das Glück gefunden habe, meine Träume in Erfüllung gegangen sind oder ob wir gescheitert sind? Nun möchte ich euch eine Geschichte erzählen, die mit einem türkischen Lebensmittel zu tun hat. Es waren – glaube ich – die Jahre 1977-78 und wir haben nicht die Leckereien gefunden, die wir sonst in unserer Heimat aßen. Die Ernährung konzentrierte sich auf Halbes Hähnchen mit Pommes oder an Freitagen – weil in Deutschland dann Fischtag ist – gebackener Fisch mit dem berühmt berüchtigten Kartoffelsalat. So wie heute, dass wir an jeder Ecke einen Döner-Laden finden, der auch türkische Hausmannskost bietet – das gab es nicht! Aktuell sind genügend türkische Lokale und auch kleinegroße Supermärkte mit türkischen Lebensmitteln in Deutschland zu finden.

Was alles so in der Schublade ist…

Dieser Tage in den 70ern habe ich in Essen in einer Klischee-Firma gearbeitet. Ein türkischer Kollege aus Istanbul arbeitete auch dort – er hatte aber einen anderen Charakter als ich – ein Draufgänger und Abenteurer. In dieser Firma gab es ein täglich wiederkehrendes Ritual, welches in der Türkei nicht unbedingt üblich ist. In jeder Schublade meiner deutschen Kollegen befand sich eine Flasche Cognac. Es war ein Kräftemessen – wer verträgt mehr?! Im Laufe des Tages hob man diese kleinen Gläser in die Luft und rief „Zum Wohle“, bevor man sich den Branntwein in den Magen kippte. Die Flschen waren bis zum Feierabend lehr. Der Kollege aus Istanbul hat dann zur Gegenoffensive (bewusst oder unbewusst) angestoßen.

Der türkische Kollege saß zwei Tischreihen hinter mir. Die Kaffeepause war jeden Tag pünktlich um 10.45 Uhr. In diesen Pausen kam ein Knoblauch-Duft an meine Nase, Allah Allah – woher kommt das? Der Kollege hatte unsere ach so vermisste Sucuk (in Deutsch Knoblauchwurst genannt – es heißt aber Sucuk.) von irgendwoher gefunden, platziert es in ein Brötchen und verschlang es mit großem Genuss…

In der Klischee-Firma haben wir zum Abdecken von Negativ-Aufnahmen mit Rötel-Farbe gearbeitet. Zum Säubern der Film stand überall Brennspriritus auf den Tischen. Warum das jetzt wichtig ist, folgt nun.

…das duftende Brötchen wurde von den deutschen Kollegen nicht überhört und sie summten nur mit einem hımm hımm. Eines Tages bot mir mein türkischer Kollege ein Stück Sucuk an. Vorlaut wie ich bin sagte ich, dass man Sucuk nicht roh essen sollte. Um den wahren Geschmack zu erfahren erklärte ich ihm die Art und Weise wie mein Vater es zubereitete. Gesagt getan! Ein wenig Alufolie besorgt, als Schale geformt, mit Wattebaäuschchen (die wir sonst zum Reinigen nutzten) gefüllt und mit Spiritus getränkt. Auf einem Steinuntergrund gaben wir dann Zunder. Die deutschen Kollegen sind aufgeschreckt – Feuer! Dann entfaltete sich aber der wunderbare Duft vom Sucukgrill und alle waren fasziniert. Jedem wurde ein Stück angeboten. Die Antwort waren durchweg „schmegg gut“. Ganz ehrlich, an den Cognac hatte ich mich auch gewöhnt und mit Sucuk Brötchen schmeckte es noch mal besser.

Somit hatten wir unseren deutschen Kollegen das erste Mal echten türkischen Sucuk kosten lassen. Mit der Zeit hatte es sich schon zu einem Ritual entwickelt, jedoch wurde aus Sicherheitsgründen (Feuergefahr) das Grillen irgendwann verboten.

Ein altes Foto von meinem Arbeitsplatz

 

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