Auch ein Migrant kommt mal zur Besinnung. Gerne auch mal in der Weihnachtszeit.

Als ein in das deutsche Weihnachtssystem immigrierter Bio-Türke, sehe ich mich als passiver Mitraucher, wenn meine deutschen Freunde, Nachbarn und Bekannte diese vor allem für den deutschen Einzelhandel schönste Zeit des Jahres inhalieren. Bekanntlich fehlt mir das Weihnachts-Gen und die allseits beliebte Frage „Feiert ihr denn auch Weihnachten?“ ist wohl eher rhetorischer Natur, denn jeder gut informierte deutsche Nachbar weiß, dass der Türke an sich gerne das eine oder andere Fest feiert  – vor allem wenn es seine eigenen sind –, aber Jesus‘ Geburtstagspartys gerne mal schwänzt.

So kommt es, dass manch ein leitkulturell ambitioniertes deutsch-türkisches Grundschulkind, nach der aufopfernden Rolle als Josef’s Esel in der Schulaufführung der Weihnachtsgeschichte, in den eigenen vier Wänden schmerzhaft merkt, dass dort eine Weihnachtsstimmung aufkommt, die wahrscheinlich nur noch vergleichbar sein dürfte mit der Stimmung auf dem Weihnachtsmarkt in Mekka.

Und wenn man als aufmerksames türkisches Kind, seine Stiefel für den Nikolaus vor die Haustür stellen will, stehen dort in der Regel bereits die Schuhe der restlichen Familienmitglieder, weil man diese nun mal auszieht bevor man in eine türkische Wohnung geht. Wie soll der Nikolaus da den Überblick behalten? Nur weil er aus der Türkei stammt, heisst es noch lange nicht, dass er sich mit dem anatolischen Fuß-Exhibitionismus beschäftigt hat.

Die Sache mit dem Baum

Dieses Jahr gab es auch mal Sucuk am Tannenbaum

Warum um alles in der Welt heißt es eigentlich einen Tannenbaum „schlagen“? Handelt es sich nicht um häusliche Gewalt, wenn man diesen dann ins Wohnzimmer stellt? Und warum muss der Baum ins Haus? Wäre es nicht politisch viel korrekter, mit Kind und Kegel den nächsten Tannenbaum Ihres Vertrauens zu besuchen, um dort Lieder zu singen und währenddessen das neue iPhone auszupacken?

Wir Türken machen das ja auch gerne, meistens im Schatten der Tannen im Stadtpark mit Köfte auf dem Grill, Teeglas in der rechten und iPhone in der linken Hand.

Und der Begriff „Baumschule“ ist insofern unpassend, da die armen Bäume ja gefällt werden, bevor Sie überhaupt einen Abschluss machen können.

Armes Weihnachten

Quo Vadis Weihnachten?

Außer als Aufhänger für die Glosse eines Christkind resistenten Anatolen, musst du außerdem als Legitimation für Wham’s Last Christmas in der Radio Dauerrotation herhalten. Und angesichts diverser Krisen, Skandale und schlechter Nachrichten rund um die Welt könnte das Christentum fast die Lust verlieren irgendetwas zu feiern.

Die Eurozone ist in ungefähr so beliebt wie einst die Ostzone. Wir sind kollektiv so sehr verschuldet, dass der Weihnachtsmann vor der Bescherung erst eine Schufa-Auskunft einholen muss und in verschiedenen Diktaturen auf der Welt sind politische Aktivisten schneller deportiert oder getötet, als sie sich auf ihrem Facebook oder Twitter Account eingeloggt haben. Und unsere politische Elite – wie z.B. die Planstelle Bundespräsident – ist in etwa so glaubwürdig wie der Weihnachtsmann als Darsteller in der Gillette-Werbung.

Statt „Ihr Kinderlein kommet…“ müsste es eigentlich „Ihr Menschen kommet… zur Besinnung!“ heißen!

Leise rieselt der Schnee… Nicht

Jetzt mal unter uns Monotheisten: Weihnachten kommt, das ist so sicher wie das „Amin“ in der Moschee. Trotz Schmuddelwetter, nationalen und internationalen Unzulänglichkeiten und provokativer Glossen.

Übrigens kann ich Sie beruhigen. Natürlich freue ich mich auch dieses Mal für alle mit, die sehnsüchtig auf diese Zeit des Jahres gewartet haben. Weihnachten ist für jeden das, was er oder sie darin sieht. Vor allem sollten wir Liebe sehen und säen.

Ich besorge mir jetzt ein Glas schwarzen Tee und telefoniere noch etwas herum. Vielleicht ist irgendwo in einer Schulaufführung der Esel von Josef noch nicht besetzt.

In diesem Sinne…

Frohe Weihnachten! Mutlu Noeller!

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