Unvorstellbar in Deutschland: Ein Spartenkanal, der sich „Hochzeit TV“ nennt und fast den ganzen Tag nur Amateuraufnahmen von Hochzeitsfeiern von Flensburg bis Konstanz zeigt. Freunde und Gönner ebenso wie neidvolle Verwandte oder gar Feinde können dann sehen, wer mit wem mit welchem Gesichtsausdruck tanzt, trinkt oder sich unterhält. Unter den Türken in der europäischen Diaspora gibt es einen solchen Kanal mit dem Namen „Düğün TV“ schon seit mehr als vier Jahren.

Der große Erfolg von Düğün TV basiert auf der einfachen Tradition, dass eine Hochzeit ein Neubeginn im Verständnis der Türken bedeutet, von dem möglichst viele erfahren sollen. Deshalb können auch in der ursprünglichen Heimat verbliebene Verwandte und Freunde über Satelliten diesen Kanal irgendwo in Anatolien empfangen und so visuell der Feier beiwohnen.

Es gibt viele Traditionen abhängig von der Region, aus der die Familien von Bräuten und Bräutigams stammen. Menschen aus Ostanatolien haben zumeist die Oboe und Trommeln als dominierende Musikinstrumente, aus Nordostanatolien stammende Familien tanzen lieber nach den Klängen einer „Kemençe“, einem Streichinstrument, dessen bescheidenem Erscheinen kaum die tatsächlich von ihm ausgehende Motivation für temporeiche Ringeltänze zugemutet werden kann.

Zentralanatolier bilden Kreistänze, die aus der Ägäisregion tanzen am liebsten „Zeybek“, einem Tanz der „Efes“. In Deutschland eher als Biermarke bekannt, wurden die „Efes“ in der Geschichte als Führer von Aufständen gegen die unterdrückenden Herrschaftsschichten respektiert und gefürchtet. Modernere Hochzeiten nehmen mit einem Wiener Walzer des Brautpaares ihren Lauf, enden aber zumeist auch in Bauch-, Ringel- oder Heldentänzen.

Die Tradition einer türkischen Hochzeit setzt vor der eigentlichen Vermählung einige wichtige Stufen voraus. Die erste Stufe, die zu meistern ist, ist die Vereinbarung der Vermählung ihrer Kinder zwischen den Familien. Dazu erbitten die Eltern des heiratswilligen jungen Mannes einen Besuchstermin bei den Eltern der anvisierten jungen Frau.

Natürlich weiß jeder, warum der Besuch sich ankündigt. Dennoch gibt es unverzichtbare Rituale. So bringen die Eltern des künftigen Bräutigams in der Regel ein Silbertablett mit Schokolade, türkischem Honig oder anderen kalorienreichen Süßigkeiten. Nach einigem  Austausch von Freundlichkeiten wie Fragen nach dem Wohlbefinden oder anderer Arten von Small Talk wird in kleinen Gläsern Tee serviert. Der erste Höhepunkt ist, wenn das Mädchen den Anwesenden beginnend von den Vätern den türkischen Mokka serviert. In den Mokka des Bräutigams mischt die Braut Salz. Die türkischen Rituale sind durchzogen mit gegenseitigen heimlichen Neckereien, die zwar allen bekannt sind, aber von niemandem enttarnt werden. Die Reaktion des Bräutigams ist zugleich eine Prüfung. Schluckt er nun den Mokka hinunter ohne sich etwas anmerken zu lassen, zeugt das von einem edlem Charakter, der seine Zukünftige nicht bloß stellt und die bitteren Seiten des Lebens stets zu schlucken weiß.

„Auf Befehl Allahs (Gottes) und dem Segen des Propheten“, so beginnt traditionell der Vater des jungen Mannes seine Worte, mit denen der Segen des Vaters des jungen Mädchens um seine Einwilligung gebeten wird. Die Tradition ist heute abgespeckt. Die modernen Zeiten haben schon längst eine realistische Korrektur vorgenommen: Auch unter Türken wächst die Zahl derer, die die Katze nicht im Sack kaufen wollen. Die Familien haben nicht mehr die Funktion einer Partnerbörse wie früher. Die meisten jungen Paare kennen sich bereits längere Zeit. Vielmehr handelt es sich bei diesem Ritual des „Handanhaltens“ (türkisch: isteme) um einen Liebes- und Respektbeweis des jungen Paares gegenüber der Familie. Wenn wie in der Türkei auch in Deutschland üblich die jungen Menschen sich schon seit längerer Zeit gut kennen, sagt der Vater der jungen Frau, um deren Hand angehalten wird, den Satz: „Wenn sich unsere Kinder schon einig sind, so bleibt uns nur noch übrig, ihnen unseren Segen zu geben… Mögen sie beide glücklich bis ans Lebensende sein…“

Bei einem zweiten Treffen ebenfalls in der Wohnung oder im Haus der künftigen Braut gibt es dann das Ritual, das „söz kesme“ heißt und ein Gelöbnis zur Heirat abgegeben wird. Wie bei der späteren Verlobung (türkisch: nişan), dann aber mit Goldringen, gibt es ein rotes Band, das die Ringe miteinander verbindet und von den Vätern durchgeschnitten wird.

Wie in der Türkei so geht auch in Deutschland allen traditionellen Feiern und Ritualen die standesamtliche Trauung (türkisch: nikâh), voraus. Dabei gibt es ganz wenige Unterschiede zu deutschen Eheschließungen. Einen Spaß aber lassen sich die Türken nicht nehmen. Während der Trauung unter Einbeziehung von Trauzeugen rufen viele Anwesende immer wieder „bas, bas, bas….“, um die aufgeregte Frau in ihrem Hochzeitskleid oder den Bräutigam in dunklem Anzug dazu aufzufordern, ihren oder seinen Fuß auf den Fuß der oder des Auserwählten zu setzen. Dadurch soll die Vormachtstellung im späteren Leben durchgesetzt werden.

Was die spirituelle Seite betrifft, so gibt es zudem auch den Brauch einer religiösen Trauung (türkisch: imam nikâhı), die aber vor den Gesetzen auch in der Türkei keine Gültigkeit haben. Ein Imam, ein religiöser Gelehrter, kommt vor der Hochzeit zur religiösen Absegnung und reicht den Segen Gottes und seines Propheten weiter. Die Bedeutung einer kirchlichen Hochzeit in Deutschland haben die religiösen Trauungen nicht und auch geht die Hochzeitsgesellschaft für gewöhnlich nicht in eine Moschee, um eine religiöse Hochzeit zu feiern.

Die Traditionen des Gelöbnis, der Verlobung und die der Trauung münden in die Henna-Nacht (türkisch: kına gecesi) im Mutterhaus des Mädchens zumeist eine oder zwei Nächte vor der Hochzeit. Die Henna-Tradition besiegelt das Ende des Lebens einer jungen Frau unter der Obhut der eigenen Familie und unter dem Schutz des eigenen Vaters. Deshalb sind Henna-Abende mit vielen traurigen Liedern und Tränen verbunden. Damit das Gesicht der weinenden jungen Frau nicht sichtbar wird, trägt sie zumeist einen roten Schleier aus Tüll über dem Kopf. Um den roten Henna-Fleck an der Hand anbringen zu können, muss die Schwiegermutter ihr die zur Faust geballte Hand öffnen, was aber freilich nicht mit roher Gewalt, sondern mit einer Goldmünze passiert.

In den vergangenen Jahrhunderten dauerten Hochzeiten drei Tage und drei Nächte, in den Märchen und Fabeln ist von Hochzeitsfeiern die Rede, die 40 Tage und 40 Nächte gedauert haben sollen. In der modernen Gegenwart dauert eine Hochzeitsfeier zumeist einen Abend, dem aber viel Stress und Hektik vorgeschaltet sind. Die Familie des Bräutigams ist für die Ausrichtung der Hochzeit verantwortlich, die Familie der Braut für das Eheversprechen, für die Verlobung und für die Henna-Nacht. Beim Erklimmen dieser Stufen zeigt sich, ob sich die Eltern gut verstehen oder ob nicht Neid und Missgunst oder auch falsche Erwartungen das Verhältnis zwischen den Elternhäusern von Anfang an belasten.

Unabhängig davon aber tanzen Bräute und Bräutigams am liebsten mit den Hochzeitsgeschenken und bedanken sich von Tisch zu Tisch bei den Hochzeitsgästen. Die Geschenke können goldene Armreifen, Ringe, Halsketten oder aber auch einfach Bargeld sein, die mit Nadeln an Brautkleidern oder Anzügen des jungen Paares geheftet werden. Dabei gibt es Sprüche und Weisheiten, die unter Türken in Fleisch und Blut übergegangen sind wie etwa „werdet alt auf einem Kissen“ oder „Allah möge euch glücklich machen“.

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