Auch Migranten spielen mal den Doppelpass.

„Ist ja kein Wunder, die kriegen ja auch keinen“, mögen Sie jetzt denken oder womöglich bereits erkannt haben, dass es hier um die bunte Vielfalt auf grünem Untergrund geht, mit dem Bekenntnis sowohl zur defensiv-kompakten als auch zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Die aktuelle Fussball EM 2012 ist das Spiegelbild unserer Gesellschaft. Unter den Spielern gibt es die Künstler und Handwerker, die Anführer und Mitläufer, die mit gutem Friseur und die ohne. Es gibt aber auch einen schwarzen Italiener, dessen Name wie italienisches Olivenöl klingt und Franzosen, die so aussehen, als würden sie nach Feierabend per Minarett zum Gebet rufen.
Und es gibt die deutsche Nationalmannschaft, deutsche Fußballer mit deutlich erkennbaren Wurzeln in der mittelasiatischen Steppe, wo zwar hauptsächlich Hobbys à la „Freihändig Reiten“ und „Kefir Kampftrinken“ in die Poesiealben eingetragen wurden, aber auch genug fußballerische Basisgene zur Weitergabe vorhanden waren.

Deutsch und Türkisch – aber eben anders

Viele Nationalspieler lieben nicht nur den Doppelpass, sie leben ihn auch, ohne konkret einen zu besitzen. Übrigens genauso wie viele andere Migranten in diesem Lande, die weniger spannenden und repräsentativen Aufgaben nachgehen. Wobei Mesut Özil mit deutschem Pass als deutscher Nationalspieler wahrgenommen wird, Mesut Sönmez mit seinem deutschen Pass aber nicht als deutscher Arbeiter.
Keine Bange, ich will mit Ihnen nicht in die nächste Runde der „Wir sind auch Deutsche aber eben anders“-Diskussion gehen. Denn „An Tagen wie diesen“, an denen ich dies vielleicht vermehrt tun möchte, wird mir in der Regel ein bürokratisches Wechselbad der Gefühle eingelassen. Dann ist „Tote Hosen“ mit der doppelten nationalen Identität auf dem Papier, obwohl dieses den meisten Migranten-Biografien entsprechen würde. Erscheint derzeit aber in ungefähr so wahrscheinlich, wie ein Sieg der englischen Nationalmannschaft im Elfmeterschießen.
Dann bleibe ich eben Türkisch, aber eben auch anders.

Deutsche Nomaden und türkische Germanen

Es ist tatsächlich der Fußball, der die praktische Umsetzung von Doppelidentitäten plastisch vor Augen führt. Hier werden deutsche Tugenden mit südländischer Leichtigkeit und spielerischer Experimentierfreude kombiniert. Getreu unserem Motto „Türkisch Kicken auf Deutsch“.
Und es ist dieser Fußball, der mich regelmäßig in eine seltsame Art der Schockstarre fallen lässt, nämlich immer dann, wenn die türkische und deutsche Nationalmannschaft gegeneinander antreten. Nicht wenige fahren dann – ausschließlich bildlich gesprochen – mit angezogener Handbremse in ihren wohlverdienten Feierabend-Autokorso. Das wiederum tut weder dem Auto gut, noch dem Fahrer oder Halter.

Spätestens hier muss ich an die beruhigenden Worte von einem meiner Cousins in Istanbul denken, der die Meinung vertritt, dass der Großteil der Völker auf der Erde von Turkvölkern und mittelasiatischen Nomadenstämmen abstammt. Würde übrigens den Kefir im deutschen Supermarkt erklären und das deutsche Faible für das Campen. Sie sind also türkischer als Sie denken und im Umkehrschluss bin ich deutscher als man wahrhaben möchte.
Nun mögen die Ansichten eines Freizeithistorikers und Hobbyanthropologen vom Bosporus nur bedingt dazu geeignet sein, zur gemeinsamen Ahnenforschung zu motivieren, doch allein die Vorstellung, dass wir – bei gleichem Genpool – völlig unnötig ethnische Differenzen diskutieren, hat einen gewissen Unterhaltungswert.

Trotzdem unterbreche ich das mal hier, hole meinen wohlverdienten Feierabend-Kefir aus dem Kühlschrank und plane in bester deutscher Manier die Route für den Autokorso nach dem EM-Halbfinalsieg gegen Italien. Die hauen wir nämlich gemeinsam weg.

In diesem Sinne… Das nächste Mal erkläre ich Ihnen wie man freihändig reitet. Bruder…

Update: Das mit dem Sieg gegen Italien muss bekanntlich auch geübt werden. Schade!

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