Türkische Lebenswelten sind so abwechslungsreich wie die Rezepte in unserem neuen Buch. Die ZEIT Redakteurin Özlem Topcu schreibt auf unverkrampfte Weise über ihre Lebenswelt als „neue Deutsche“. Sie wurde 1977 in Flensburg geboren. Seit 2009 ist sie Politikredakteurin bei der ZEIT.  Zusammen mit zwei weiteren Kolleginnen hat sie das Buch „Wir neuen Deutschen“ geschrieben, darin erzählt sie vom Lebensgefühl als Kind einer Einwandererfamilie in Deutschland aufzuwachsen.

Wir bei KochDichTürkisch verbinden kreative Kochkultur mit unserer Identität als Kinder von Zuwanderern. Ihr habt ein Buch herausgebracht, das auch eine klare Message hat. Wie ist die Resonanz?

Foto: Thies Rätzke

Das Thema Identität scheint sehr viele Menschen stark zu berühren, die Resonanz ist daher groß, darüber freuen wir uns sehr. Viele, die sich selbst instinktiv „neue Deutsche“ nennen, oder nach einem Begriff für sich gesucht haben, melden sich bei uns und sagen: Ja, genau, die Erfahrungen, die Ihr beschreibt, die habe ich auch gemacht! Ich weiß auch nicht, wo genau ich mich verorte, ob ich das überhaupt will und warum so oft die erste Frage an mich lautet: Wo kommst du wirklich her? Aber wir kriegen auch Reaktionen von „einheimischen“ Deutschen, die das Buch spannend finden, sich für die Ansichten von Leuten wie uns interessieren, um unsere Gesellschaft besser zu verstehen.

Was ist Dein türkisches Leibgericht und was verbindest Du damit?

Ich mag am liebsten alles, was irgendwie mit Teig zu tun hat. Börek, Poğaca, sowas. Ich muss dann immer an meine Großmutter denken, die früher selbst Yufka gemacht hat – die lagen dann überall herum: Auf den Betten, auf dem Sofa, auf allen Tischen. Das wird ja so groß und dünn. Als Kind fand ich das immer so lustig, dass überall riesige dünne Teigfladen im Haus verteilt waren.

Es gibt ein türkisches Sprichwort: „Memleket doğduğun yer değil, doyduğun yerdir.“ (Heimat ist nicht da, wo Du geboren bist, sondern da, wo Du satt wirst.) Haben die alten Türken Recht? Was ist Heimat für Dich?

Das ist ja wohl die größte Heuchelei! So pragmatisch sind die nicht, wenn ihr mich fragt. Gerade die Türken, die so sehnsüchtig nach ihrem memleket schmachten, wenn sie ihr Dorf oder ihre Kleinstadt Richtung Istanbul verlassen. Ne ne, es geht nicht nur darum, satt zu werden. Aber wer weiß, vielleicht ändert sich das bei den Türken auch mit der Zeit.
Für mich ist Heimat dort, wo meine Familie ist – und wo ich anerkannt werde dafür, wer ich bin. Oder zumindest: Wo ich für Anerkennung streiten kann und will.

Gäbe es DAS integrative Gericht schlechthin, aus welchen Zutaten würde es Deiner Meinung nach bestehen?

Wow, die Frage ist ja tausend Mal schwieriger als die Frage nach der Heimat! Die Deutschen sagen ja: Viele Köche verderben den Brei. Ich glaub das ja nicht. Also immer schön alles rein in den Topf, was Spaß macht. Manchmal kann das ja auch eine elegante Kartoffel mit ein bisschen Salz und Butter sein. Denn die Kartoffel, wie Jan Delay in seinem Song „Kartoffeln“ sehr richtig bemerkt, hat zwar keinen Geschmack, dafür ne Menge Stärke.

 

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