Lesbos, bald das türkische Malle?

Dass der Türke dem Deutschen auch alles nachmachen muss. Mit knapp 40 Jahren Verspätung, hat er die Auslandsreisen für sich entdeckt. Gemeint ist aber nicht der Höllenritt mit dem Ford Transit über den Balkan, der gefühlte 3 Tonnen Verwandten-Geschenke und die eigene Großfamilie vom schönen Köln Porz ins heimische Anatolien brachte, sondern der Wunsch vieler nicht emigrierter und gut verdienenden Türken, nicht nur in dem eigenen schönen Urlaubsland ein paar erholsame Tage zu verbringen, sondern auch mal den auf Sichtweite in der Ägäis befindlichen komşu (türk. Nachbar) Griechenland zu besuchen, z.B. auf Lesbos. Hatte man sich bisher auf Basis einer Hassliebe darüber gestritten, wer wen innerhalb der kulturellen Gemeinsamkeiten geprägt hat und darüber hinausgehend nie so richtig abschließen können mit den in der Historie kriegerisch geführten Auseinandersetzungen, scheint jetzt ein Punkt erreicht zu werden, der die gegenseitigen Beziehungen neu definieren könnte.

Speisekarte aus Lesbos (Midilli)Ich trink Ouzo, was trinkst du so?

Eine besondere Pointe bekommt das Ganze dadurch, dass der Türke mit seinem Wunsch, ehemalige Siedlungsgebiete seiner Vorfahren in Griechenland touristisch zu erschließen, den einen oder anderen Euro liegenlässt und somit dem in diesen Zeiten wirtschaftlich doch sehr gebeulten Halbbruder, die eine oder andere Ouzo-Tafel ermöglicht. Apropos Ouzo, der Anis-Schnaps ist ein Klassiker im Bereich der Gemeinsamkeiten. Der Genuss dieser hochprozentigen Spirituose wird bekanntlich auf beiden Seiten der Ägäis (in der Türkei als Rakı) mit der gleichen Hingabe, immer unter Einbeziehung zahlreicher meze zelebriert.

Auch das baklava sei hier bei den kulinarischen Gemeinsamkeiten exemplarisch genannt. Diese Süßspeise, ist nicht nur ein perfider Angriff auf den menschlichen Zuckerspiegel, sondern für manch deutschen Kunden an der Aktionstheke im Supermarkt auch ein Fettnäpfchen deluxe. So wird dann gerne mal der griechische und türkische Bürokollege vor den Kopf gestoßen mit dem Hinweis, welch tolle türkische bzw. griechische Spezialität baklava doch sei. Hier ist Vorsicht geboten. Bei allem kulturellen Glasnost und Perestroika, zitieren beide Seiten gerne dann doch die Schweizer: „Wer hat’s erfunden?“

Hier noch ein paar Visitenkarten direkt aus den Restaurants:

Nicht ohne meinen Nachbarn!

Für die Annäherungen zwischen Türken und Griechen ist es höchste Zeit. Veränderungen wie das gegenseitige Interesse an dem geographischen und kulturellen Nachbarn sind die richtigen Signale in einer nicht immer einfachen Zeit, wo man eigentlich zwangsläufig näher zusammenrücken sollte. Doch wie sich dieses zarte Pflänzchen „Besserung in den griechisch-türkischen Beziehungen“ genau entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Wir alle sollten unseren Teil beitragen und es regelmäßig gießen und Unkraut fernhalten. Dann klappt es auch mit dem Nachbarn…

Türken und Griechen in Deutschland

Wir als KochDichTürkisch-Team sind schon längst mit Griechen gut befreundet. Letztes Jahr haben wir gemeinsam unseren Freunden von Natural Greek Food die Kochbuch-Verkostung veranstaltet. Demnächst wird es in unserem Ladenlokal in Düsseldorf auch deren Produkte (Bio-Olivenöl, Oliven-Creme und Marmeladen) zu kaufen geben. Die Produkte sind sogar alle aus Lesbos (türk.: Midilli). Natürlich dann auch im Webshop.

Quelle zu diesem Artikel: Lange Jahre undenkbar, doch jetzt langsam Realität: Eine zarte Reisewelle von Mittelschicht Türken zu den griechischen Ägäisinseln scheint zu beginnen. Hier der Artikel zu dem Thema auf drradio.de.

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