In diesem Moment blicke ich auf das deutsche Tastatur-Layout meines Notebooks und die deutsche Benutzeroberfläche des Betriebssystems. Unten rechts, versteckt hinter dem Mausklick auf das DE Symbol, taucht es auf, die Auswahloption auf die türkischen Zeichen. Etwas im Hintergrund aber immer da.

Als ich den Klick ausführe wird mir schlagartig klar: Ich bin ein Computer-Betriebssystem, mit migrantischem Desktophintergrund. Mein Prozessor ist ein türkisch-deutsches Doppelherz, das mir ermöglicht, sprachlich und sozial multi-tasking zu betreiben.

Könnte man so sehen oder? Doch einmal mehr wird eine Standardeinstellung selbst in den eigenen womöglich 40 qm zu Haus gefordert, d.h. die Festlegung auf die führende Sprache – also Deutsch.

Kann der Ali auch Uli?

Jetzt mal “Tereyağı bei die Fische” forderte der Generalsekretär der Regierungspartei CSU im Entwurf für einen Leitantrag. Migranten sollen sich auf die deutsche Sprache im öffentlichen und privaten Raum beschränken.

Reflexartig schrillen bei so einer Forderung in der KochDichTürkisch-Redaktion die Alarmglocken. Die Konsequenzen werden diskutiert und der Notfallplan áus der Schublade geholt:

  • Umbenennung in DochNichtTürkisch

  • Gerichte wie Hünkar Beğendi (Der Sultan ist entzückt) werden neu benannt. Ab sofort heisst es “Dem demokratisch gewähltem Staatsoberhaupt hat es gemundet”, alternativ: “Der Merkel hat’s gefallen”

  • Der Claim wird erweitert auf “Türkisch Kochen auf Deutsch – ohne Türkisch”

Bei Weizengrütze statt Bulgur hört aber der Spaß auf.

Wie schnell könnte man also aus Ali einen Uli machen? In Bezug auf Steuern relativ schnell, aber auch sprachlich?

Jetzt haben wir den Salat

Da wir hier bei einem Koch- und Foodblog sind, möchte ich eine wunderbare türkische Metapher benutzen: Herşeye maydanoz olmak – bei allem die Petersilie sein, sich also überall einmischen. Wer den exzessiven Einsatz von Blattpetersilie in der türkischen Küche kennt, wird auch wissen, dass sie hier und da auch gar nicht nötig wäre und sogar andere Aromen dominieren kann.

Liebe CSU, seid gerne das Sauerkraut oder von mir aus die Viertel-Knoblauchzehe in der Bundespolitik, doch lasst bitte dieses Petersilien-Gehabe und stoppt die Reduktion eurer unspezifischen Populismus-Sauce auf das Problem-Migranten-Aroma.

Um dann doch noch einmal auf die Computer Allegorien zu wechseln: Ja, wir brauchen mehrere Updates und Systemwiederherstellungen innerhalb unterschiedlicher migrantisch geprägter Bevölkerungsgruppen in Deutschland. Diese haben aber nichts mit Spracheinstellungen zu tun, vielmehr geht es um Security und soziale Back-Ups.

Die absolute Mehrheit von uns stürzt eigentlich nicht ab und das obwohl wir mit einem Dual-Betriebssystem laufen. Hierzu die obligatorische – werbefreie – Metapher: Man kann ja auch in einen Apfel beissen und gleichzeitig aus dem Fenster schauen.

Sprache und Muttersprache ist der Schlüssel heisst es, aber jeder besitzt einen Schlüsselbund – Deutschland auch.

In diesem Sinne… Das war meine Petersilie für den Salat.

 #yallaCSU

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