Letzte Woche kam es im KochDichTürkisch-Laden bei einem Glas schwarzen Tee zu einer bemerkenswerten Gesprächsrunde zwischen Mitgliedern unserer Redaktion mit anderen Turko-Deutschen, die gerade zu Besuch waren. Erst mal nichts außergewöhnliches, denn wo schwarzer Tee, da auch Türken. Bemerkenswert war aber, dass neben den üblichen Themen in Zusammenhang mit türkischer Küche, eine faszinierende Facette migrantischer Lebenswelten schnell zum Top-Thema wurde:

[box type=“info“ size=“large“]Der Transport bzw. die Mitnahme von Lebensmitteln in die und aus der Türkei – eine Generationen übergreifende Spezialität türkischer Haushalte im Rahmen urlaubsbedingter Aktivitäten.[/box]

Wer nun vermutet, dass leere Koffer ihren Weg in die Türkei antreten, um dann prall gefüllt mit vor Ort erstandenen oder per Geschenk bei der lokalen Verwandtschaft eingeheimsten Spezialitäten die Rückreise anzutreten, liegt nicht vollständig richtig. Es werden nämlich nicht nur Produkte nach Deutschland importiert – Zollbeamte bitte nicht weiterlesen –, bei Käse und Fleischwaren oftmals als Glücksspiel beim Grenzübergang, sondern was viel mehr verwundert:

In Deutschland produzierte Lieblingsprodukte werden zwischen Pyjama und Badehose platziert und quasi für den eigenen und verwandtschaftlichen Verbrauch exportiert. Hier eine für die genannten Gesprächsrunde repräsentative Auswahl der beliebtesten Produkte.

Nach Deutschland immigriert zumeist Hausgemachtes:

Aus Deutschland emigrieren Lieblinge des Supermarkts, Discounters und der türkische Lebensmittelmärkte:

  • Tafelschokolade mit ganzen Haselnüssen (übrigens stammen 90% dieser reisefreudigen Nüsse aus der Türkei)
  • Nutella (wie gesagt, Haselnüsse sind klassische Globetrotter)
  • Instant-Kaffee
  • …bitte in den Kommentaren erweitern

Besonders bemerkenswerte Koffergäste, die aus Deutschland abreisen:

  • Sucuk „Made in Germany“
  • Schwarztee aus der Türkei

Natürlich sind einige Kaufentscheidungen aus der Not geboren, denn versuchen Sie mal hausgemachten Tarhana in Deutschland zu finden. Auch Sucuk-Freunde schätzen Aroma und Qualität der hiesigen Produzenten mehr als das Image der Fleischherkunft in der Türkei. Aber vielmehr zeigt dieses Phänomen, wie eng verzahnt die Lebens- und Genuss-Welten eigentlich für Turko-Deutsche mittlerweile sind. Es sind Selbstverständlichkeiten und der Geschmacksspagat funktioniert.

Dabei ist besonders die Elterngeneration geradezu besessen von diesem System. Ansonsten äußerst tolerante und entspannte Mütter und Väter werden pünktlich zum Sommerurlaub zu Food-Fanatikern und bestücken jeden Koffer, der die Strecke Deutschland-Türkei-Deutschland antritt mit genannten Produkten – ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten oder Protest des Nachwuchses zu den Koffergewichten, die sich übrigens immer am und über dem Limit bewegen. Sehr beliebt ist es, den Vordermann – oftmals Alleinreisende mit wenig Gepäck oder nur Handgepäck – beim Check-In am Flughafen anzusprechen: “Boş kilo hakkın var mı?” Sinngemäß die Frage, ob diese wildfremde Person das Übergepäck, also eine Tasche oder sogar einen Koffer mit aufgeben kann, da er/sie ja sein maximales Gepäckgewicht (20-30kg) nicht ausnutzt.

Irgendwie gehört der Stress und das Feilschen um jedes Gramm Gepäck zur Urlaubstradition vieler Familien dazu und kann einem den Urlaubsstart und die Rückreise zumindest vorübergehend vermiesen. Denn das alles wird nach Abschluss der Strapazen mit dem Genuss einer echten Tarhana-Suppe an einem dunklen deutschen Herbst- und Winterabend kompensiert.

Kritik und Ärger lassen sich bekanntlich wunderbar runterschlucken.

Der Facebook-Post vom 24.2.2015

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