Nerelisin hemşerim? ~ woher bist du?

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Nerelisin hemşerim? ~ woher bist du?

Herkunft

Die erste Begegnung zwischen Türken beginnt typischerweise immer mit der Frage: Nerelisin hemşerim? Woher bist du, mein Landsmann?

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Diese Frage beschäftigt mich jedesmal aufs neue. Denn sie ist für mich nicht so einfach zu beantworten. Wie soll das auch gehen? Bin in Essen (Deutschland) geboren, in Düsseldorf (auch Deutschland) aufgewachsen und meine Eltern kommen aus Ankara, Türkei. Wobei mütterlicherseits meine Großeltern alle vier Jahre den Wohnort gewechselt haben und die väterlicherseits teils aus dem alten Selanik (damals Osmanisches Reich heute Thessaloniki, Griechenland) und teils aus Izmir (Türkei) sind. Was antworte ich denn jetzt?

Dem türkischen Landsmann sage ich direkt: „Biz Ankara’liyiz – wir sind aus Ankara!“

Darauf kommt die Folgefrage: „Peki, hangi semt – welches Viertel denn?“

…und dann hört es auch schon fast auf. Bis auf die Besuche im Sommer bei den Verwandten kenne ich Ankara nicht im Detail. Kenne nicht die Unterschiede zwischen den Stadtvierteln, den Schulen oder wo man das beste Ankara Tava essen kann. Die Unterhaltung führt in die Ungewissheit. Der Landsmann ist verwirrt, denn das entspricht nicht seinem typischen Bild. Ein Türke, der nicht über seine Herkunftsstadt Bescheid weiß?! Aber wenn ich ihnen antwortet: „Düsseldorf şehrinden, Almanya’dan geliyorum – Ich bin aus Düsseldorf, Deutschland.“, dann wird das gar nicht ernst genommen und gefragt, wo denn meine Eltern her sind… und das Spiel geht von vorne los. Ist das nur bei uns so? Bei mir, dem türkischen Rheinländer?

Was ist Heimat?

Nein, es geht wohl vielen Türken so. Eine Gruppe bei Facebook nervt die Frage nach “Nerelisin” oder in Zeitungs-Kolumnen lesen wir dieselbe Problematik. Auf der Suche nach der Erklärung bin ich bei eksi sözlük auf einige schöne Erklärungen gestoßen. Übrigens Eksi sözlük besteht schon seit 1999 und ist eine Art offenes türkisches Wörterbuch. Jeder darf mitschreiben. Begriffe, Phrasen und auch Fremdwörter sind frei erklärt. Dabei findet sich die Erklärung ganz objektiv, umgangssprachlich oder mit einer zusammenhängen Geschichte. Die türkische Sprache ist so dehnbar so dass dieselben Begriffe ganz unterschiedliche Bedeutungen bekommen – manchmal ist das sehr sehr lustig. Aber zurück zu Nerelisin. Der Wortlaut ist wie folgt:

muhabbet başlatma nidasi.
can alıcı bir sorudur.
anlami ise aslinda bilader canim sıkılıyo anlaat bakim tarzinda anlaşılmalıdır.
falanca yerliyim deyip susmak olmaz.
yurdum insaninin hiçte kötü olmayan güzel sorularındandır.

frei übersetzt:

um eine Unterhaltung zu beginnen
eine nervende Frage
was der Fragende eigentlich sagen will: du, mir ist langweilig, lass uns quatschen
irgendwas sagen, dass man heimisch ist und dann still sein reicht nicht
es ist eine nicht böse gemeinte und ein schöne Frage

Warum ist die Frage im Grunde ein gute Frage? Der Hemşerim besteht ursprünglich aus den zwei Wörtern hem und şehir. Frei übersetzt Dieselbe Stadt. In seiner Bedeutung steckt noch mehr, denn es zielt auf die Gemeinsamkeit. Man ist ja Türke und es kann ja sein, dass man auch aus der gleichen Stadt ist. Man hat vielleicht eine Verbindung. Ist sie nicht offensichtlich, sucht man nach ihr. Wo kommen deine Eltern her, deine Großeltern…? Bei irgendeiner Kreuzung schneiden sich die Herkunftslinien und man fühlt sich wohler, denn der  kleinste gemeinsame Nenner ist gefunden. Man ist sich näher. Die Hilfsbereitschaft wächst, denn man kennt sich – irgendwie – ja ist sogar familiär.

Diese Erfahrung habe ich oft gemacht. Braucht man Hilfe, geht man zu jemand vertrautem. Da liegt es doch nahe, dass man lieber zum hemşerim geht, als zu einem Unbekannten. In Deutschland ist es die türkische Community, die unter sich diese Verbindungen sucht und pflegt. Eine Tugend, die in der Türkei mit der Frage Nerelisin hemşerim beginnt und überall auf der Welt weitergetragen wird. Auch im türkischen Rheinland…

By | 2016-10-21T22:24:22+00:00 Januar 30th, 2010|Kültür|3 Comments

About the Author:

Foodblogger, Designer, PreMedia-Coach und Hausmannskoch Alle Artikel von Orhan
  • Hallo. 🙂

    Ersteinmal möchte ich mich für diesen tollen Blog bedanken und auch besonders für diesen Artikel. Stöbere jetzt schon fast eine Stunde hier rum.
    Mir stellt sich die Identitätsfrage derzeit immer stärker, da meine Großeltern alle aus verschiedenen Ländern stammen (Deutschland, Türkei, Tschechien und Polen). Mit meiner Verwandschaft habe ich selbst leider nicht sonderlich viel zu tun, was ich ziemlich bedauere. So gerne würde ich ja doch etwas mehr über die Vergangenheit erfahren… wie diese Konstellation zu stande kam etc. – Aber letztlich sitze ich hier, spreche fließend deutsch und englisch und hatte Lateinunterricht in der Schule. Es ist so als ob meine Herkunft in meinem Leben keine Rolle spielen würde. Seit vielen Jahren nun schon fühle ich mich aber ziemlich zur türkischen Kultur hingezogen und versuche mir die Sprache etwas anzueignen. Türkisch kochen und backen war schon immer mein Ding und auch der Grund weshalb ich letztlich auf diesen Blog stieß.

    Im Großen und Ganzen wollte ich einfach nur “Danke” sagen. 🙂

    Liebe Grüße,
    Erbse

    • Orhan Tançgil

      Hallo Hatice,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Auf der Suche nach der Identität war ich auch schon öfters und bin es immer wieder.
      Mir hat es viel geholfen, als ich mit meinen Verwandten meinen Stammbaum erarbeitet habe. Dabei Geschichten zugehört, alte Fotos rausgekramt und gestaunt. Dabei sind mir die Ähnlichkeiten aufgefallen, die in meiner Person sich widerspiegeln und das half mir sehr, eine Basis für meine persönliche Identität zu bekommen. Ganz unabhängig von Kultur, Nationalität, Haarfarbe etc. Danach habe ich mich erst mit türkisch sein oder deutsch leben beschäftigt. …und siehe da, es gibt dort auch dort Dinge, die mich bewegen. Im Besonderen reizt mich der Wechsel und die Symbiose zwischen den Kulturen. Das macht einfach Spaß!!! …nur dieses Schubladendenken der Gesellschaft nervt… :)))

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